Lausbubenstücke in unserer Schulzeit

Lausbubenstücke in unserer Schulzeit.

Dass es auf dem Schulweg nicht ohne Raufen und Balgen abgeht, versteht sich von selbst. Dies ist aber einigen älteren Dorfbewohnerinnen, so der „Piringer Resl“ und der „Jagschn Rosl“ ein Dorn im Auge.

Irgendwann werden diese Balgereien auf dem Heimweg dann so arg, dass der Herr Oberlehrer Lang, weil Ermahnungen allein nicht allzu viel bewirkten, zu drastischeren Mitteln greifen musste:

Der Kapl Franzi musste nach der Schule ganz alleine – er tat uns deswegen ein bisschen Leid – einen Weg über den Zulisser Dorfberg nehmen. Der Gangl Hansi, der immer brav war, durfte gleich nach Hause gehen. Da waren wir nur noch sieben. Uns ließ er nur einzeln weggehen und wenn der eine hinter dem „Piringer Hügel“ verschwunden war, durfte der nächste weggehen.

Was unser lieber Herr Oberlehrer aber nicht wusste ist, dass wir hinter dem Hügel zusammen warteten, um weiterhin unsere Balgereien ausleben zu können.

Im September 1957 ändert sich unsere Situation grundlegend, mit dem Übertritt von der 3. in die 4. Schulstufe wurden wir von den geächteten „Nachmittagern“ zu „Vormittagern“, das hieß ab jetzt unsere Unterrichtszeit beginnt um 8:00 Uhr und endet um 12:00 Uhr.

Somit kamen wir natürlich auch mit den Schulkindern der 5. bis 8. Schulstufe zusammen. Wir erlebten, dass die höheren Jahrgänge sich mehr trauten als wir „Frischlinge“ und dass bei den „Vormittagern“ die Watsch’n leichter ausgeteilt wurden, als bei den „Nachmittagern“.

Da gab es in der 8. Schulstufe den Barbl Oskar, der immer Schwierigkeiten hatte, sich im pädagogischen Geschehen einer Schule zurechtzufinden – heute würde man ihn als “verhaltensoriginell“ bezeichnen.

Eines Tages ließ ihn der Herr Oberlehrer vor die Tür stellen, weil er beim Stehen in der Ecke des Klassenzimmers auch noch keine Ruhe gab. Das ist dem Oskar durchaus recht, denn statt vor der Tür stehen zu bleiben, zog er seine Schuhe an und schlich sich aus dem Haus.

An der Südwand des Schulhauses stand ein Birnen-Spalierbaum mit süßen Birnen, an dem Oskar hinaufkletterte. So tauchte – vom Klassenzimmer aus gesehen – langsam an der Außenseite in einem der Klassenfenster ein Bubenkopf auf, um bald darauf wieder zu verschwinden und von Neuem aufzutauchen. Das blieb natürlich nicht unbemerkt. So richten sich bald alle Augen der Schüler auf das Fenster, um das Wiederauftauchen zu beobachten.

Das blieb auch dem Herrn Oberlehrer nicht verborgen. Er stürmt aus dem Klassenzimmer, holte den Oskar vom Baum herunter und verabreichte ihm eine ordentliche Tracht Prügel. Aber gegen die war der Oskar ohnehin schon längst immun.

Unvergesslich bleibt mir auch ein Schultag, an dem der Unterricht anders begann als sonst. Als der Oberlehrer die Klasse betrat, flog gleich die Tür laut ins Schloss.

Unser „Grüüüüüß Gott!“ beachtet er nicht, statt dessen kam im Befehlston „Zum Gebet!“ – also etwas stimmt heute nicht!

Wir beteten:
„Heil’ger Geist komm zu verbreiten über uns dein Gnadenlicht, dass wir immer weiterschreiten im Erlernen uns’rer Pflicht. Mache uns zum Lernen Lust, dass wir dann in uns’rer Brust das Gelernte wohl behalten und im Guten nicht erkalten.“

„Setzen!" rief er, "Jetzt kommen heraus: der Freudenthaler Gottfried, der Kolberger Hubert, der Duschlbauer Rudolf, der Bruckmüller Karl und der Duschlbauer Ernst!“
Wir stellten uns vor dem Herrn Oberlehrer in Reihe auf und waren uns überhaupt keiner Schuld bewusst.

„Was habt ihr gestern getan?“ Jeder von uns trug eine vollkommen unschuldige Mine und jeder von uns zuckte mit den Schultern. „Bitte, nix, Herr Oberlehrer!“, war unsere Antwort!

Da hat es den Freudenthaler Gottfried schon erwischt: eine schallende Ohrfeige klebt in seinem Gesicht. „Beim Schönbrunn!“ klärte der Oberlehrer auf!

Jetzt dämmert es uns! „Wir haben gestern in den Schönbrunn heineingebrunzt!“
Die anderen kicherten. Damit bekamen wir eine Vorahnung von einer Firmung, aber keinen Backenstreich, sondern jeder von uns erhielt eine ordentliche Watsch’n.

Heute pädagogisch absolut verpönt, aber damals eine übliche Erziehungsmethode und für uns viel besser, als wenn wir eine Seite oder mehr hätten abschreiben müssen. Damit war sozusagen die Angelegenheit erledigt.

Für mich aber noch nicht ganz:
Der Vater! Wenn der vom Herrn Oberlehrer erfährt, dass er mir eine Watsch’n gegeben hat, dann erhöht sich das Watsch’nkontingent sofort mindestens auf das Doppelte. Und mein Vater hatte eine bessere „Handschrift“ als der Herr Oberlehrer!

Also konnte ich nur darauf hoffen, dass sich mein Vater und der Herr Oberlehrer in den nächsten Tagen nicht treffen werden und dass beim Herrn Oberlehrer hoffentlich bald die Vergessenskurve einsetzt.

Zulissen
1950-1959
Verfasser

Hubert Kolberger (1948-2023)
Summerauer Straße 29
4261 Rainbach im Mühlkreis

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