Veränderungen beim Fernsehen seit meiner Kindheit

Veränderungen beim Fernsehen seit meiner Kindheit.

Es war 1955. Vor dem Konsum, einem Kaufgeschäft, das am östlichen Ende der Wohnbaracke 1 für Eisenbahnerfamilien in Summerau untergebracht war, wurde ein geschälter Baumstamm in Maibaumgröße aufgestellt. Statt des Wipfels war eine Konstruktion aus Metallstäben angebracht, die so aussah, als ob sie als Sitzplatz für Vögel gedacht wäre. Kränze waren auch nicht oben, sondern am Stamm führte von oben nach unten ein Draht, der dann in einer Höhe von zwei Metern weiter zum Fenster der Wohnung Riescher (Verkaufsleiter des Konsum) führte. Die Leute erzählten, das sei eine Fernsehantenne, welche die Rieschers brauchen würden, damit sie mit ihrem quaderförmigen Kasten, einem sogenannten Fernseher, Filme in schwarzweiß schauen könnten. Wahrscheinlich war die hohe Antenne deshalb notwendig, weil es vor September 1955 nur das deutsche Fernsehen gab und danach das einzige österreichische Programm vorerst nur von wenigen Sendern ausgestrahlt wurde. Zu dieser Zeit war ich sechs Jahre. Ich trug mit einem anderen Kind öfter für die Familie Riescher Holz von der Hüttenbracke in deren Wohnung, weil es dafür eine Süßigkeit gab. Nun da die Rieschers ein so besonderes Gerät hatten, das sonst niemand im Bereich des Bahnhofes Summerau besaß, wurde diese Dienstleistung für uns Kinder noch interessanter, da wir dabei auch diesen neuen Kasten zu sehen bekamen. Ich kann mich noch erinnern, dass ich dabei einmal den Toni Sailer, der zu dieser Zeit seine Siege feierte, zu sehen bekam. Zwei Jahre später bekam eine Familie im damaligen neuen Reihenhaus (von uns „Neubau“ genannt) einen Fernseher. An einem Mittwoch um 17 Uhr war das Kinderprogramm mit Kasperl und Pezi. Oft bis zu 15 Kinder stürmten wir das kleine Wohnzimmer der Familie, um diese für uns neue interessante Sendung zu sehen. Um die Zahl der kleinen Fernsehbesucher zu reduzieren, verlangte dann die Familie 50 Groschen für das Anschauen einer Sendung.

Im Jahr 1960 erzählte mir das Mädchen unseres Nachbarn Stamfest, dass ihre Tante Resl einen Fernseher kaufen würde. Als ich das Auto des Radio- und Fernsehhändlers zum Nachbar fahren sah, lief ich auch gleich hin, um zu sehen, was sie dort machten. Zuerst brachten sie den Fernseher in die Stube des Kleinlandwirtschaftsanwesens. Das Gerät wurde vorerst einmal auf einen Tisch gestellt. Dann verlegten sie ein Kabel durch eine Ritze zwischen Fensterrahmen und eigentlichem Fenster, das sowieso nicht so dicht war nach oben auf das Dach. Die Antenne wurde aus verschieden langen Stäben zusammengeschraubt und an einem dickeren Holzstiel befestigt und dann am Dach außen befestigt. Ein Fernsehmechniker war auf dem Dach, der andere stand beim Fenster und schaut durch das Fensterkreuz auf den eingeschalteten Fernseher. Der Mann auf dem Dach drehte die Antenne und der andere schrie immer wieder: „Besser“ oder „schlechter“ und dann auf einmal „passt so“. Auf diese Weise wurde die Antenne für den besten Empfang ausgerichtet. Da das Haus auf einer Anhöhe stand, war der Empfang des 1. Deutschen Fernsehprogrammes neben dem damals einzigen Österreichischen Sender möglich. Die Qualität des Empfanges des deutschen Senders war sehr vom Wetter abhängig. Oft sah man nur mehr helle und dunkle Punkte, aus denen man das Bild nur erahnen konnte. Den Ton verstand man jedoch gut. So wurde oft mehr Fernsehen gehört als gesehen. An einem Sonntag Nachmittag war manches Mal die Stube voller Kinder. Ich erinnere mich noch gut an die Sendungen Fury, Lassie, Jim Knopf und die Lokomotive, die wir damals anschauten.

Meine Eltern gingen am Abend öfter zu unserem östlichen Nachbarn Umdasch, der bald darauf einen Fernseher hatte, um sich Sendungen wie „Familie Leitner“, „Was sieht man Neues“ mit Heinz Conrads, „Bilanz der Saison“ und die „Löwinger Bühne“ anzuschauen. Ich musste daheim bleiben. Beim Herumprobieren mit der Antenne unseres UKW- Radios - ich wollte den Empfang verbessern - bemerkte ich eines Tages, dass ich auf einmal den Ton des österreichischen Fernsehprogrammes hörte. Ab diesem Zeitpunkt hörte ich mir die Sendungen, die sich meine Eltern beim Nachbarn anschauten, einfach nur im Radio an. 1966, ich war damals 17 Jahre alt, bekamen auch wir wie so einige andere Familien einen Fernseher. Unser Fernseher, ein Kapsch Eurostar, der samt Antenne 6000 Schilling kostete, hatte schon den Empfangsteil für das zweite Österreichische Fernsehprogramm, das es erst seit 1961 gab. Wegen der damals noch neuen Ausstrahlung im UHF-Bereich wurde es als „technisches Versuchsprogramm“ bezeichnet und nur an fünf Tagen gesendet. Täglich gibt es das 2. Programm erst seit September 1970. Im Jahr 1964 sah man die Bewerbe der Olympischen Winterspiele in Insbruck und ich fieberte im Studentenheim in Linz mit meinen Schulkollegen mit, wenn Österreicher an den Start gingen und freute mich, wenn sie dann auch noch siegten. Es waren die ersten Spiele, die im Fernsehen übertragen wurden. Der 21. Juli 1969 wird mir unvergesslich bleiben. Ganze Nacht saßen meine Eltern und ich und warteten, dass die Rakete auf dem Mond landete. Dann dauerte es noch einige Stunden, bis endlich Neil Amstrong den Mond betrat. Der ORF übertrug 28 Stunden, die bis dahin längste Live-Sendung.
Jeden Tag um 19:30 Uhr lief der Dauerbrenner „Zeit im Bild“, den es seit 1955 gibt. In den 70er Jahren wurden Sendungen ausgestrahlt, die sich sehr viele gerne anschauten. Montags gab es Krimi-Serien u.a. „Mit Schirm, Charme und Melone“, „Jason King“ oder „Solo für O.N.C.E.L“. Der Mittwoch Nachmittag gehörte nach wie vor den Kindern mit dem Hund „Lassie“, dem Pferd „Fury“ und dem Kasperl. Jeden Samstag Vorabend war die Sendung „Guten Abend am Samstag“ von und mit Heinz Conrad und als Abendprogramm gab es große Shows u.a. mit Peter Alexander, Rudi Carell, Hans Rosenthal und Hans Joachim Kulenkampf. Ansagerinnen kündigten mit einführenden Worten besondere Sendungen an. Damals sprachen die Leute oft am Folgetag über Sendungen und rätselten bei mehrteiligen Krimis, wer denn der Täter sein könnte.

Das Neujahrskonzert am 1. Jänner 1969 war die erste Sendung, die der ORF in Farbe ausstrahlte. Wahrscheinlich sahen dieses Konzert nur ganz wenige, da ein Farbfernseher sehr teuer war. Er kostete je nach Ausstattung das Doppelte bis Dreifache eines Schwarz-weiß-Fernsehgerätes. Meine 1971 gegründete Familie leistete sich erst 1980 einen solchen Luxus, andere noch viel später. Die Voraussetzung für einen ordentlichen Empfang schuf der Elektriker Haghofer aus Freistadt, indem er in diesem Jahr in der Nähe der Einmündung der Höschlager Straße in die Bundesstraße Antennen aufstellte und Haushalte an das Kabelfersehnetz anschloss. Nun konnten zwei österreichschen und drei deutsche Programme gut empfangen werden.

Die Entwicklung blieb nicht stehen. Programme wurden über Satelit ausgestrahlt. Haghofer speiste diese dann auch ins Kabel ein. Immer wieder kamen neue Sender dazu, die Sendezeit wurde immer länger, zuerst wurden nämlich nur tagsüber Sendungen angeboten. Um ungefähr Mitternacht wurde dann das Programm mit dem Abspielen der Bundeshymne beendet. Bald schon wurde 24 Stunden lang gesendet. Die Technik entwickelte sich immer weiter. Es wurde wegen einer besseren Bildauflösung von den feststehenden Sendern ab 2006 in dvb-t gesendet. Die nun auf den Markt drängenden Flachbildfernseher ermöglichten eine excelente Bildqualität in HDTV. Das Night Race in Schladming am 23. Jänner 2008 war die erste Sendung des ORF, das in diesem Format ausgestrahlt wurde. Die Entwicklung ging und geht immer weiter: dvb-t2, Satelittenfernsehen dvb-s2, Fernsehen am Computer, Tablet und Handy. In Mediatheken kann man auf Fernsehgeräten mit Internetanschluss und am Computer versäumte Sendungen im Nachhinein anschauen. Was wird noch alles möglich?

Summerau
1950-1959
Fotos
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Unser Fernseher aus dem Jahr 1963 stand in unserer Wohnküche, wo meine Mutter Maria Knogler beim Tisch sitzt.- Fotograf: Helmut Knogler, 4261 Rainbach i. M.
Verfasser

Helmut Knogler (geb. 1949)
4261 Rainbach i.M., Labacher Str. 9

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